Hallo lieber Leser. Im letzten Artikel  habe ich Dir erklärt, warum das ganze Konzept um den “Säure-Base-Haushalt” überflüssig ist und auf falschen Tatsachen beruht. Heute möchte ich das Thema gerne ein wenig ausweiten.

Denn wie jeden Sommer gibt es auch dieses Jahr eine ganze Horde an spitzfindigen Marketingakrobaten, die leichte Beute wittern, wenn sie diverse populärwissenschaftliche „Fach“- und Frauenzeitschriften mit Entschlackungskuren und Abnehmschakes überfluten.

Frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt – Hauptsache die Schlagworte „Fettverbrennung“ oder „Pfunde purzeln lassen“ sind mit drin.

Das kleine 1×1 der Entschlackungskur

Was genau hat es mit diesen Abnehmmethoden auf sich? Die Quintessenz ist, dass einige Zeit (meist Wochen) am Stück komplett auf saure Nahrungsmittel verzichtet wird. Empfohlen wird hier bestenfalls lediglich der Konsum von Obst und püriertem/gepressten Gemüse. Und viel, viel Wasser.

Ziel dieser radikalen Prozedur ist es, den Körper zu „entschlacken“ (was Du dann am Stuhl siehst) – und nebenher natürlich auch ein paar Pfunde purzeln zu lassen.

Klingt soweit ganz gut, oder? Nun, was während derartiger Wunderkuren WIRKLICH in Deinem Körper passiert, wieso hier wieder Tatsachen verdreht werden und warum diese Kuren trotzdem funktionieren, erkläre ich Dir heute.

Keine Angst, der heutige Artikel wird nicht so lang wie der letzte.

Warum nehmen Menschen mit Entschlackungskuren ab?

Ich fasse mich kurz:

  • Weil man mit diesen Kuren im Energiedefizit landet. Mit Säften aus Obst und Gemüse kann man kaum so viele Kalorien aufnehmen, wie der Körper an der Stelle verbraucht. Energiedefizit bedeutet langfristig auch Gewichtverlust.
  • Der Körper verliert Muskelmasse. Da in dieser Zeit komplett auf Protein verzichtet wird (außer bei Diäten wie z.B. Almased), der Körper aber für tägliche Prozesse Protein benötigt, nimmt er dieses Protein durch Recycling aus alten Proteinen und Zellen (Erklärung folgt) und den Muskeln. Und die wiegen auch etwas.
  • Weil der Darm entleert wird. Erklärung folgt.

Es verwundert nicht, dass Gewicht verloren wird. Dass diese Entschlackungskuren einer radikalen Hungerdiät gleichkommen, stört an dieser Stelle natürlich niemanden.

Was hat es mit dem Entschlacken auf sich?

Damit wir das Wort „Entschlacken“ bestmöglich begreifen können, müssen wir verstehen, was diese sog „Schlacken“ überhaupt sind. Unter Schlacken verstehen die Autoren 3 Dinge:

  • zelluläre Abfallstoffe, die einfach anfallen, aber nicht entsorgt werden können, wenn man sich konstant von minderwertigen Nahrungsmitteln ernährt. Diese Abfallstoffe werden bei der Entscklackung abgebaut.
  • Schadstoffe aus unserer Umgebung, die von Natur aus in unserem Körper nichts verloren haben. Diese werden jetzt analog zu den zellulären Abfallstoffen vermehrt ausgeschieden. Beispiele dafür wären Schwermetalle und Xenobiotika (vom Menschen gemachte chemische Stoffe wie Weichmacher und Lebensmittelzusatzstoffe)
  • Rückstände im Darm, die erst in Ruhe ausgeschieden werden, wenn einfach mal keine feste Nahrung konsumiert wird, die das behindert.

Ob das alles so stimmt oder nicht, ist an der Stelle egal, viel wichtiger ist:

Der Darm verliert Darmbakterien.

Vor allem bei Saft-Kuren fehlen Ballaststoffe in der Nahrung völlig. Das ist gefährlich. Denn ohne Ballaststoffe haben Deine Darmbakterien nichts mehr zu knabbern, sterben ab – und landen dann auch als “Schlacken” im Stuhl.

Also wenn Du schon eine Basenkur machen möchtest, dann verspeise bitte die gesamten Nahrungsmittel, inklusive Ballaststoffe, und nicht nur den Saft. Der enthält sowieso nur einen Bruchteil der Vitamine und Nährstoffe der ganzen Frucht. Durch das Zuführen von Ballaststoffen verlierst du weniger “gute” Darmbakterien und mehr von den “schlechten”. Das ist dann auch ok so.

So. Jetzt weißt du in etwa, was diese Art von Kuren in Deinem Körper bewirkt. Klingt gut? Eher nicht so.

Doch warum fühlen sich die „Fastenden“ nach ein paar Tagen dennoch so gut? An diesem Punkt machen wir einen kleinen Abstecher in die Biochemie. Zunächst jedoch ein wichtiger Kommentar meinerseit:

JEDE Form des Fastens führt nach ein paar Tagen in der Regel zu Stimmungshochs – nicht nur Saftkuren.

Die 2 Arten des Fastens

  • Völliges Weglassen von Protein

Da würde ich die ganzen Basen-Kuren und Saft-Kuren mit einordnen. Es wird etwas Energie konsumiert, Protein jedoch fast vollständig weggelassen.

  • Völliges Weglassen von Kalorien

Bei dieser Form des Fastens gilt es, wirklich gar nichts zu essen. Dies ist die bekannte traditionelle Form des Fastens, bei der lediglich Wasser und Tee getrunken wird.

Wenn das geklärt ist, kommen wir jetzt kurz zur schon angekündigten Biochemie:

Was passiert im Körper, wenn Du fastest?

Durch den völligen Proteinmangel muss der Körper erstmal schauen, wo er für seine Erhaltungsprozesse Protein herbekommt. Nach ca 24h Protein-Abstinenz beginnen drei parallele Prozesse:

  • Phagocytose: Dabei bauen Immunzellen im Körper verstärkt alles ab, was alt ist und weg muss. Alte und beschädigte Proteine und Zellen werden abgebaut und durch neue ersetzt. Gleichzeitig wird verstärkt nach Krankheitserregern (Viren, Bakterien) und erkrankten Zellen gesucht und diese eliminiert. Durch die Phagocytose wird ein guter Teil des vom Körper benötigten Proteins bereitgestellt.
  • Autophagie: Bedeutet übersetzt “Selbstverdauen”, also analog zur Phagocytose beginnt auch jede Zelle für sich, alte Proteine und Organellen abzubauen und die so erhaltenen Aminosäuren zu recyceln.
  • Pinocytose: Bedeutet übersetzt so viel wie “Zelltrinken” (aus dem Griechischen). Jede einzelne Zelle beginnt also die Gewebeflüssigkeit um sie herum, teilweise zu verdauen und gewinnt daraus frische Aminosäuren.
  • Zusätzlich: Eine verstärkte Produktion von Endorphinen (körpereigene Opioide, ähnlich Morphin) und BDNF (ein Wachstumshormon, das neue Gehirnzellen wachsen lässt. Du wirst also klüger 😉 ) sorgt für eine heitere, ausgelassene Stimmung. Nach einigen Tagen des Fastens fühlt man sich plötzlich, als könne man Bäume ausreißen. Das liegt am Zusammenspiel von Hormonen und dem Frühjahrsputz, den Dein Körper gerade durchgemacht hat.
  • Ketogenese: Werden keine Kohlenhydrate zugeführt, beginnt der Körper, Fett in sogenannte Ketonkörper umzubauen, um damit das Gehirn weiterhin mit Energie zu versorgen. Diese sorgen für einen klaren Kopf und gute Laune.

Aber was passiert, wenn wir längerfristig (mehr als 2 Tage) so fasten?

Fett kommt natürlich aus dem Fettgewebe und führt zu Gewichtsverlust. Allerdings führt das völlige Weglassen von Nahrungsfett dazu, dass sich die Fettverdauung verschlechtert, sobald wir wieder normal essen. Dies führt dann zum berühmt berüchtigten Jojo-Effekt.

Dieser kommt aber auch durch folgende Dinge:

  • Der Stoffwechsel schläft ein: Damit ist vor allem die Schilddrüse gemeint, die maßgeblich reguliert, wieviel Energie wir tagtäglich nebenher verbrennen. Genauso andere wichtige Stoffwechselhormone wie z.B. Testosteron.
  • Muskeln sind DAS energieverbrauchende Gewebe in unserem Körper (neben Leber und Gehirn). Bei längerer Proteinabstinenz während der Fastenzeit, werden die Muskeln jedoch einfach abgebaut. Das bedeutet, der Energie-Grundumsatz sinkt genauso wie die sportliche Leistungen. Jojo-Effekt vom feinsten!

Fasten hat also Vorteile (v.a. kurzfristige) als auch Nachteile (längerfristig).

Wie Du die Nachteile des Fastens minimierst und gleichzeitig alle Vorteile für Dich nutzt:

  • Intermittierendes Fasten. Maximal 1-2 Tage fasten, immer mal wieder, nicht zu häufig. Das kannst Du dann intermittierendes Fasten nennen (16-24h zwischen Abendessen und der nächsten Mahlzeit am darauffolgenden Tag) oder einfach so einen Tag pro Woche vollständig fasten. Das sorgt für kurze Zeit für die zellulären Abbauprozesse, aber baut keine Muskeln ab.
  • Einen Obst- und Gemüsetag pro Woche einlegen. Kein Saft, sondern das gesunde Zeug wirklich essen, am besten roh. Das mache ich auch immer mal wieder gerne. An diesen Tagen habe ich einen klareren Kopf als gewöhnlich. Dieser Effekt geht aber ab dem zweiten Tag verloren.
  • Bulletproof-Tee/-Kaffee. Einen Tag lang nichts essen, bei Hunger einfach einen Tee oder Kaffee mit Kokosöl/MCT trinken. Kennst Du schon die aktuellen Produkte von Primal State?
  • Dem Körper immer das geben, was er zum Entgiften braucht. Dazu benötigst Du keine spezielle Saftkur. Achte jeden Tag des Jahres über auf eine gesunde Ernährung, hilf Deinem Körper täglich, anfallende Stoffwechselprodukte und Xenobiotika wieder auszuscheiden. Wie?

Ich präsentiere: Die Paleo Detox Diet:

  • Iss täglich buntes Gemüse, reichlich und möglichst natürlich zubereitet
  • Achte auf eine gute Mikronährstoffzufuhr
  • Iss tierische Produkte unverarbeitet und aus artgerechter Haltung
  • Trinke reichlich Kräutertee, Grüntee und Kaffee
  • Iss nach Belieben und Vertragen probiotische und präbiotische Lebensmittel wie Joghurt, fermentiertes Gemüse, Apfelessig, Kombucha, und natürlich Obst & Gemüse
  • Meide Getreideprodukte und Zucker sowie alle Arten von industriell zubereiter “Nahrung”

Darf es wirklich so einfach sein? Ja. Weil es wirklich so einfach ist.

Weil diese gesunde Ernährung als Grundlage so viel Gutes in Deinem Körper erreichen kann – meist sind wir es uns einfach nicht bewusst.

Fazit – der beste Hack der Welt?

Heute hast Du gelernt, was im Körper bei Saftkuren wirklich passiert. Ob Du die gesamte Bandbreite der Konsequenzen (nicht nur die guten) für Dich akzeptieren kannst, ist Deine Entscheidung.

Du hast in diesem Artikel jedoch auch eine wichtige Wahrheit gesehen, die nicht nur für Saftkuren, sondern für ALLE  Lebensbereiche greift:

Wenn Du die Prinzipien hinter einem Konzept nicht verstehst, kaufst Du die Katze im Sack. Dann haben es wortgewandte Marketingcowboys leicht, Dich mit wohlklingenden Vorteilen eines Konzeptes zu verführen, während sie die Nachteile elegant aus Deinem Sichtfeld manövrieren.

Wenn Du die grundlegenden Mechanismen hinter einem Konzept jedoch begreifst (und das kann sehr schnell gehen!), kannst Du nicht nur bessere Entscheidungen für Dich treffen. Du kannst Dir die Konzepte auch schnappen, hacken, und die Vorteile für Dich einheimsen, während Du die Nachteile tatsächlich umgehst (oder zumindest minimierst).

Das beste Beispiel dafür ist dieser Artikel. Saftkuren sind generell nichts Schlechtes. Jetzt wo Du weißt, wie Du die versteckten Stolperfallen solcher Kuren erkennst und umgehst, lohnt es sich sogar, es mal zu probieren! 🙂

In diesem Sinne wünsche ich Dir frohes Entsaften! Und falls Dir mal eine Rezept-Idee fehlt, weißt Du ja, wo Du uns findest. Cheers.

 

Rothmann, SM et al. (2012): “Brain-derived neurotrophic fator as a regulator of systemic and brain energy metabolism and cardiovascular health”. Annals of the New York Academy of Sciences, ISSN 0077-8923

Longo, Valter D. and Mattson, Mark P. (2014): “Fasting: Molecular mechanisms and clinical applications”. Cell Metabolism Review, Cell Metabolism 19

Gertrud Rehner, Hannelore Daniel: Biochemie der Ernährung, 3. Auflage. Spektrum, Heidelberg 2010

Alberts, Bruce and Johnson, Alexander: Molekularbiologie der Zelle, 5. Auflage. Wiley-VCH, Weinheim 2011