Unsere Wohlstands- und Konsumgesellschaft verleitet uns zu  „immer höher, immer weiter, immer besser“. Wir verbrauchen gedankenlos die unterschiedlichsten Ressourcen und wundern uns erst, wie wichtig etwas ist, wenn wir es nicht mehr haben. (Passend dazu das Lied von Passenger – Let her go).

So eine Ressource ist die Zeit. Unser Leben geht immer vorwärts, nicht rückwärts. Zeit ist wohl der einzige Rohstoff in unserem Leben, der endlich und nicht recycelbar ist. Erdöl als Kraftstoff lässt sich biologisch erzeugen, Baumwolle wächst nach, doch Zeit geht unwiderruflich verloren.

Deswegen sollten wir uns auch als Ziel setzen, unsere Zeit gut und sinnvoll zu nutzen.

Aber leider beobachten wir heutzutage eher das Gegenteil: Die Menschen werden gehetzter, nehmen sich zu viel vor in zu kurzer Zeit, rennen durch ihr Leben, ohne nach links und rechts zu schauen. Und ehe sie sich versehen, sind sie 40 und müssen mit Burnout in psychologische Behandlung. Was ist da falsch gelaufen mit der Zeit?

Heute bekommst Du ein paar Tipps, Deine Tage wieder mit mehr Leben zu füllen, anstatt Dein Leben mit Tagen (Cicely Saunders). Wie Du wieder mehr Zeit für Dich hast und für sinnvolle Tätigkeiten. Und wie Du Dir auf diesem Wege sehr viel weniger Stress zumutet.

1. Nicht stressen, nicht zu viel wollen. Loslassen können.

Wir sollen unsere Zeit möglichst gut nutzen. Das heißt, 24/7 möglichst viel erledigen und möglichst viel schaffen, oder?

Nein, natürlich nicht. Wir wollen unsere Tage mit Leben füllen. Das heißt einerseits natürlich, viel schaffen und erleben, aber (wichtig!) in einem für uns angenehmen Tempo.

Viel zu schaffen ist gut, solange es uns nicht belastet, sonst wird es nur … zur Last. Deswegen muss man lernen, auch mal los zu lassen.

Wir müssen nicht jede freie Minute optimal nutzen und 10 Hobbys parallel verfolgen in der kurzen Freizeit, die wir haben. Einfach mal loslassen … akzeptieren, dass man nicht alles schaffen kann, ist schon mal ein ganz wichtiger Schritt (für weiteres s. Punkt 4).

Passend dazu zwei Zitate:

Men do not care how nobly they live, but only how long. Although it is within the reach of every man to live nobly but within no men’s power to live long (Seneca)

Nature is not rushing. Yet it is everything accomplished (Lao Tsu)

Lasst das mal kurz wirken… gut. Weiterlesen 🙂

2. Multitasking – mehr schaffen durch mehr gleichzeitig?

Multitasking ist nicht immer zielführend. Wenn man drei Aufgaben zu erledigen hat, und jede Aufgabe in etwa 30% deiner maximalen Konzentration/Aufmerksamkeit erfordert, dann können alle drei Aufgaben doch problemlos gleichzeitig erfüllt werden, oder?

Das ist leider eine Milchmädchen-Rechnung. Drei Sachen gleichzeitig erledigen bedeutet nicht, alle drei in der Zeit, die für eine Sache benötigt wird, auch zu schaffen.

Am Ende brauchen wir durch Multitasking länger, als wenn wir die Aufgaben einzeln erledigen.

Obwohl eine einfache Aufgabe nur 30% unserer Aufmerksamkeit erfordert: Wenn wir uns nicht zu 100% darauf konzentrieren, brauchen wir nur länger dafür.

3. Zeitfresser

Das sind all die kleinen Aufgaben, die uns zwischendurch einfallen und die wir schnell in ein paar Minuten erledigen können.

Es sind reine Routine-Aufgaben wie Emails und SMS schreiben, Telefonate, Besorgungen, Botengänge, Reparaturen, kurz gesagt: Notwendige, periodisch wiederkehrende Tätigkeiten. Das Problem bei diesen Zeitfressern ist, dass sie wichtigere Aufgaben unterbrechen.

Die Lösung: Zeitfressende Aktivitäten sammeln (auf einem Notizblock/To-Do-Liste) und gesammelt erledigen.

Heißt: Wenn ich eine wichtige Aufgabe erledige (z.B. eine Vorlesung nachbereiten oder ein Buch lese), und mir fällt ein, dass ich noch die Wäsche abnehmen und im Sekretariat wegen einer Prüfung anrufen muss.

Dann schreibe ich mir beides auf einen Zettel, der neben meinem PC liegt. Wenn ich mit Lernen fertig bin, haben sich evtl. noch mehr solcher Dinge angesammelt, und ich erledige alles auf einmal, möglichst schnell.

Das hat auch den Vorteil, dass mir beim Lernen nicht dauernd im Kopf herumschwirrt, dass ich noch dies und das erledigen muss und nicht vergessen darf.

Also nochmal: Aufgaben sammeln, aufschreiben, zusammen erledigen.

4. Zeitverschwender: Lerne, zu ignorieren

Zeitverschwender sind Dinge, die man folgenlos ignorieren kann. Zu den wichtigsten Zeitverschwendern in meinem Leben gehören Fernseher, unwichtige Diskussionen, Termine mit Leuten, die ich nicht leiden kann, unwichtige Vorlesungen (manche Vorlesungen kann man besser alleine lernen als bei einem Dozenten, der nicht reden oder erklären kann).

Überleg Dir also einfach mal, welchen Aktivitäten Du täglich nachgehst, oder Angewohnheiten, über die Du nicht groß nachdenkst, und überlege kritisch, ob sie überflüssig sind oder nicht.

Smartphones bekommen einen eigenen Punkt, da sie sowohl Zeitverschwender als auch Zeitfresser sind.

5. Smartphones

Da unsere Medien-Gesellschaft dem digitalen Burnout immer näher kommt, ein paar Tipps, wie man sich etwas vom Smartphone distanzieren kann.

Warum Du das machen solltest?

Laut Focus verbringt der Durchschnitts-Deutsche (im Alter zwischen 20 und 30 Jahren) am Tag 3 Stunden am Handy.

Auch, wenn Dir diese Zahl etwas zu groß vorkommt: Auch weniger ist einfach zu viel! Außerdem sorgen diese kleinen Benachrichtigungen auf dem Handy (das befriedigende Vibrieren oder Blinken, wenn eine SMS ankommt) zwischendurch für kleine Dopamin-Schübe, die sehr schnell abhängig machen (oft merken wir es gar nicht).

Dopamin ist ein Glückshormon, das im Übermaß – wie hier – Sucht auslöst.

Für viele bedeutet es auch Stress, ständig und immer erreichbar zu sein und immer gleich zurück zu schreiben.

Unter uns: Du musst nicht immer erreichbar sein auf WhatsApp, Facebook und Co.! Wenn etwas wirklich wichtig und dringend sein sollte, dann werden Dich die beteiligten Personen anrufen.

Ist es nicht wichtig und dringend, reicht es völlig, wenn Du erst am Abend aufs Handy schaust und allen Leuten gestaffelt zurückschreibst (s. Zeitfresser). Die allermeisten Dinge sind nicht dringend.

Tipps für weniger Smartphone-Sucht:

  • Deaktiviert jedes Piepsen, Blinken und Vibrieren von JEDER App auf eurem Handy
  • Mache Dir eine Zeit aus, meinetwegen früh um 9 und abends um 9, an der Du SMS und Emails beantwortest. Den Rest des Tages bleibt Dein Handy einfach liegen. Reagiere nur auf Anrufe und, wenn Du selbst etwas Dringendes nachschauen oder schreiben wollt
  • Die Leute werden schnell lernen, dass Du nicht nach 5 Minuten auf eine SMS antwortest
  • Out of sight, out of mind (Aus dem Auge, aus dem Sinn): Habt euer Handy nicht immer griff- und sichtbereit. Soll heißen: legt es in eine Schreibtisch-Schublade oder in eine Tasche, anstatt direkt vor eure Nase. Wenn es ständig da liegt, ist es eine zu große Versuchung. Und eine zu große Ablenkung

6. Tagträumen

„Schlimme Tagträumer“ verbringen laut einer Studie 57% ihrer wachen Zeit täglich mit Tagträumen! [1]

Das sind im Schnitt 9 Stunden täglich, denen sie Träumereien nachgehen, anstatt Sinnvolleres zu erledigen.

Tagträumen ist Urlaub vom Denken, und das ist natürlich wichtig. Aber in manchen Situationen kann Tagträumen einfach nur kontraproduktiv sein: Wenn wir gerade Wichtigeres zu erledigen haben.

Deswegen lasst uns abschließend einen Blick auf die Hintergründe dieses Phänomens werfen:

Warum tagträumen wir?

  • Wir sind nicht glücklich oder mit der aktuellen Situation nicht zufrieden
  • Wir sind überarbeitet und brauchen mal wieder eine Pause
  • Wir nehmen die eigentliche Aufgabe nicht ernst genug
  • Unser Geist ist unruhig und schweift zu sehr ab

Wie lösen wir dieses Problem?

  • Sich selbst die Frage stellen: Ist diese Aufgabe jetzt gerade wirklich wichtig? Wenn nicht – lasst sie. Für eine Weile. Man muss ja nichts erzwingen
  • Meditation: Wenn ich an eine Aufgabe herangehe und ständig mit den Gedanken in der Weltgeschichte bin, dann meditiere ich 10-15 Minuten, bis ich die Ursache für das Abschweifen erkannt und gebannt oder erledigt habe. Danach arbeitet es sich gleich doppelt so gut. 10-15 Minuten sind nicht viel, wirklich nicht. Setz Dich einfach bequem hin und schließe die Augen und gebe den Gedanken nach… [2][3][4][5]

Natürlich könnte man zu diesem Thema ein Buch schreiben. Ich hoffe dennoch, dass Du aus diesem kurzen Artikel einiges mitnehmen konntet, um wieder mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu haben.

Wenn Du Dich mehr mit guter Lebensführung und sinnvoller Zeitnutzung beschäftigen wollt, kann ich Dir die Briefe von Seneca, „Getting things done“ von David Allen und alle Bücher von Biohacking-Guru Tim Ferriss empfehlen.

Wenn Dich die Thematik mehr Zeit und weniger Stress gefallen hat, kannst Du Dich auf den nächsten Artikel freuen. Dort wird es um ein Stresshormon (Cortisol) gehen, das allgegenwärtig und unterschätzt, aber trotzdem recht einfach in den Griff zu bekommen ist. Lesen kannst Du ihn hier.

[1] Bigelsen et al. (2016). Maladaptive daydreaming: Evidence for an under-researched mental health disorder. Consciousness and Cognition. Volume 42, May 2016, Pages 254–266

[2] Levy et al. (2012). The Effects of Mindfulness Meditation Training on Multitasking in a High-Stress Information Environment. Washington

[3] Sirois Fuschia M. (2014). Absorbed in the moment? An investigation of procrastination, absorption and cognitive failures. Personality and Individual Differences (Impact Factor: 1.95). 12/2014; 71:30-34. DOI: 10.1016/j.paid.2014.07.016

[4] Chiesa et al. (2011). Does mindfulness training improve cognitive abilities? A systematic review of neuropsychological findings. Clinical Psychology Review. Volume 31, Issue 3, April 2011, Pages 449–464

[5] Zeidan et al. (2010). Mindfulness meditation improves cognition: Evidence of brief mental training. Consciousness and Cognition. Volume 19, Issue 2, June 2010, Pages 597–605